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Die Lohnmauer steht noch: die Ost-West-Lohnlücke, Bundesland für Bundesland
Am Vorabend des 36. Tags der Deutschen Einheit ist die Mauer aus Beton seit mehr als einer Generation verschwunden, eine andere Grenze aber hat sich als erstaunlich dauerhaft erwiesen: die Lohngrenze. Wer die durchschnittlichen Bruttolöhne je Arbeitnehmer über die sechzehn Bundesländer legt, erkennt beinahe unverändert die Linie, an der bis 1990 zwei deutsche Staaten lagen.
An der Spitze stehen Hamburg mit rund 4.530 Euro brutto im Monat und Hessen mit 4.264 Euro, am unteren Rand Mecklenburg-Vorpommern mit 3.222 Euro, Sachsen-Anhalt mit 3.262 und Thüringen mit 3.300. Zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Land liegen gut 1.300 Euro im Monat. Die fünf ostdeutschen Flächenländer bilden, 36 Jahre nach der Einheit, noch immer geschlossen das Schlussfeld.
Was die Karte misst, und was nicht
Die Werte stammen aus den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen der Länder, dem gemeinsamen Rechenwerk der statistischen Ämter. Abgebildet ist der durchschnittliche Bruttolohn je Arbeitnehmer, also die Summe aller gezahlten Löhne und Gehälter eines Landes, geteilt durch die Zahl der dort beschäftigten Arbeitnehmer. Es ist das Maß, mit dem sich das Lohnniveau zweier Regionen seit 1991 lückenlos und einheitlich vergleichen lässt.
Wichtig ist, diese Zahl richtig einzuordnen. Sie umfasst alle Arbeitnehmer, auch die Teilzeit- und geringfügig Beschäftigten, und liegt deshalb unter den Beträgen, die man aus den Schlagzeilen zum Vollzeitverdienst kennt. Sie misst das Lohnniveau einer regionalen Volkswirtschaft, nicht das Gehalt einer einzelnen Vollzeitstelle. Für den Ost-West-Vergleich ist gerade das ihr Vorzug, denn sie bündelt Stundenlöhne, Arbeitszeiten und die Branchenstruktur eines Landes in einer einzigen, über drei Jahrzehnte fortgeschriebenen Größe.
Eine Grenze, die nicht ganz gerade verläuft
Das Grundmuster ist eindeutig: ein wohlhabender Südwesten und die Stadtstaaten oben, die neuen Länder unten. Und doch verläuft die Lohngrenze nicht exakt entlang der früheren innerdeutschen Linie, und gerade diese Unschärfen machen die Karte interessant.
Zwei Ausreißer verdienen Aufmerksamkeit. Berlin liegt mit 4.102 Euro auf Rang drei und damit weit über jedem Flächenland des Ostens, ein Sonderfall der Hauptstadt mit ihren Ministerien, Verbänden und Konzernzentralen. Umgekehrt rutscht mit Schleswig-Holstein ein westdeutsches Land mit 3.352 Euro mitten ins ostdeutsche Feld, noch hinter Sachsen. Die eigentliche Trennlinie liegt also weniger zwischen Ost und West als zwischen den ballungsstarken, industriell und dienstleistungsgeprägten Zentren und der Fläche.
Rechnet man Berlin heraus und stellt das frühere Bundesgebiet den neuen Ländern gegenüber, wird die Lücke zur klaren Zahl. Das ostdeutsche Lohnniveau erreichte 2024 genau 85,4 Prozent des westdeutschen. Pro Kopf und Monat fehlen dem Osten damit rund 566 Euro auf den Westen. Eine unabhängige Quelle bestätigt das Bild: Nach der Verdiensterhebung des Statistischen Bundesamtes verdienten Vollzeitbeschäftigte im Westen 2024 durchschnittlich 4.810 Euro brutto im Monat, im Osten 3.973 Euro.
Die Angleichung, die stehen blieb
Der eigentliche Befund steckt nicht in der Momentaufnahme, sondern in ihrer Geschichte. In den ersten Jahren nach der Einheit holte der Osten rasant auf: 1991 lag das ostdeutsche Lohnniveau bei kaum mehr als der Hälfte des westdeutschen, bis Mitte der Neunziger kletterte es durch die politisch ausgehandelte Tarifangleichung auf gut drei Viertel. Es war die Zeit der „blühenden Landschaften", die Helmut Kohl versprochen hatte.
Dann aber flachte die Kurve ab. Von rund 76 Prozent im Jahr 2000 ging es bis 2010 nur auf 78, bis 2024 auf gut 85 Prozent. In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten gewann der Osten im Schnitt etwa einen halben Prozentpunkt pro Jahr, ein Tempo, bei dem der vollständige Gleichstand in weiter Ferne bleibt. Die Angleichung ist nicht gescheitert, aber sie ist ins Stocken geraten, und ein hartnäckiger Abstand von rund 15 Prozent hat sich verfestigt.
Warum der Abstand bleibt
Die Ursachen liegen weniger im einzelnen Lohnzettel als in der Struktur der ostdeutschen Wirtschaft. Im Osten sitzen kaum Konzernzentralen; die großen, gut zahlenden Dax-Unternehmen haben ihre Hauptsitze fast ausnahmslos im Westen und Süden, und mit den Zentralen fehlen die hochbezahlten Funktionen in Forschung, Finanzen und Management. Die ostdeutsche Wirtschaft ist kleinteiliger, von mittelständischen und oft jüngeren Betrieben geprägt.
Hinzu kommt die geringere Tarifbindung. Im Osten arbeitet ein deutlich kleinerer Teil der Beschäftigten in Betrieben mit Flächentarifvertrag, und wo der Tarif fehlt, fallen die Löhne im Schnitt niedriger aus. Dass in Ostdeutschland im Durchschnitt sogar etwas länger gearbeitet wird als im Westen, verschärft das Bild zusätzlich: Der Rückstand beim Monatslohn entsteht nicht, weil der Osten weniger arbeitet, sondern weil die Stunde geringer entlohnt wird.
Der Befund hat eine politische Dimension, die über die Lohnabrechnung hinausreicht. Das Gefühl, trotz aller Mühe dauerhaft zurückzuliegen, prägt das Verhältnis vieler Ostdeutscher zur Bundesrepublik bis heute, und es speist eine Unzufriedenheit, die sich in den vergangenen Jahren auch im Wahlverhalten niedergeschlagen hat. Eine Karte der Löhne ist insofern auch eine Karte der politischen Stimmungslage.
Bruttolohn je Arbeitnehmer 2024: alle sechzehn Länder
| Bundesland | Euro je Jahr | Euro je Monat |
|---|---|---|
| 🇩🇪 Hamburg | 54.364 | 4.530 |
| 🇩🇪 Hessen | 51.162 | 4.264 |
| 🇩🇪 Berlin | 49.218 | 4.102 |
| 🇩🇪 Baden-Württemberg | 48.998 | 4.083 |
| 🇩🇪 Bayern | 48.735 | 4.061 |
| 🇩🇪 Bremen | 46.317 | 3.860 |
| 🇩🇪 Nordrhein-Westfalen | 44.976 | 3.748 |
| 🇩🇪 Deutschland | 45.933 | 3.828 |
| 🇩🇪 Saarland | 42.414 | 3.534 |
| 🇩🇪 Rheinland-Pfalz | 42.274 | 3.523 |
| 🇩🇪 Niedersachsen | 42.039 | 3.503 |
| 🇩🇪 Sachsen | 40.697 | 3.391 |
| 🇩🇪 Schleswig-Holstein | 40.224 | 3.352 |
| 🇩🇪 Brandenburg | 40.183 | 3.349 |
| 🇩🇪 Thüringen | 39.601 | 3.300 |
| 🇩🇪 Sachsen-Anhalt | 39.149 | 3.262 |
| 🇩🇪 Mecklenburg-Vorpommern | 38.665 | 3.222 |
Hinweis: Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmer (Inlandskonzept), Berichtsjahr 2024, alle Wirtschaftsbereiche. Der Monatswert ist der durch zwölf geteilte Jahreswert. Die Zahl umfasst sämtliche Arbeitnehmer, auch Teilzeit- und geringfügig Beschäftigte, und ist deshalb nicht mit dem Bruttomonatsverdienst von Vollzeitkräften aus der Verdiensterhebung gleichzusetzen.
Quellen anzeigen
- Arbeitskreis „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder" (VGRdL), Reihe 1 Band 2: „Arbeitnehmerentgelt, Bruttolöhne und -gehälter in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland 1991 bis 2025", Tabelle 6.1 „Bruttolöhne und -gehälter je Arbeitnehmerin bzw. Arbeitnehmer (Inlandskonzept), Insgesamt (A-T)". Herausgegeben vom Statistischen Landesamt Baden-Württemberg für den Arbeitskreis; Berechnungsstand 2025. Grundlage für Karte, Rangfolge, Zeitreihe und Tabelle; der Monatswert je Land ist eigene Berechnung (Jahreswert geteilt durch zwölf), die West-Ost-Angleichungsquote ebenfalls (Ostdeutschland ohne Berlin im Verhältnis zum früheren Bundesgebiet ohne Berlin).
- Statistisches Bundesamt (Destatis), Verdiensterhebung und Themenseite „35 Jahre Deutsche Einheit": durchschnittlicher Bruttomonatsverdienst vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer 2024, West 4.810 Euro, Ost 3.973 Euro, als unabhängige Bestätigung der Lohnlücke.
- Zur Einordnung der Ursachen (Tarifbindung, Betriebsgrößen, fehlende Konzernzentralen): Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und die jährlichen Berichte zum Stand der Deutschen Einheit der Bundesregierung.
- Kartengeometrie: GADM 4.1, Verwaltungsgrenzen der Länder (NUTS-1).
Weitere deutsche Karten: Wo Deutschland einbürgert, Solar vom Balkon, das Stadt-Land-Paradox und Wo der Wolf zuhause ist.