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Der Preis der Postleitzahl: die Stromnetzentgelte 2026

Zwei Haushalte mit demselben Verbrauch und demselben Stromtarif zahlen in Deutschland nicht dasselbe. Über einen beträchtlichen Teil der Rechnung entscheidet allein die Postleitzahl, denn das Netzentgelt, die Gebühr für den Transport des Stroms bis zur Steckdose, ist regional verschieden. 2026 reicht es von 7,4 Cent je Kilowattstunde in Mecklenburg-Vorpommern bis zu 11,8 Cent in Hamburg.

Für einen Musterhaushalt mit 4.000 Kilowattstunden im Jahr sind das rund 176 Euro Unterschied, je nach Wohnort, ehe die erste Kilowattstunde verbraucht ist. Das Netzentgelt macht etwa ein Viertel des Strompreises aus. Und es hat sich 2026 doppelt verändert: Es ist erstmals seit Jahren gesunken, und die alte Landkarte der teuren und der günstigen Regionen hat sich geradezu umgekehrt.

Die große Umkehr

Jahrelang galt eine einfache Regel: Im dünn besiedelten Nordosten war der Strom im Netz am teuersten, in den Ballungsräumen am billigsten. Der Grund lag in der Energiewende selbst. Wo Windräder in großer Zahl stehen, in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Schleswig-Holstein, mussten die Netze massiv ausgebaut werden, und die Kosten dafür trugen allein die wenigen Verbraucher vor Ort.

So entstand ein Paradox: Ausgerechnet die Länder, die den grünen Strom für die ganze Republik erzeugten, zahlten dafür die höchsten Netzgebühren. 2026 ist dieses Paradox verschwunden. Die drei günstigsten Flächenländer heißen jetzt Mecklenburg-Vorpommern, Bayern und Brandenburg; der Osten besetzt geschlossen das untere Ende der Skala. Teuer ist es heute im mittleren Westen, in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, und an der Spitze thront Hamburg.

Warum sich das Blatt gewendet hat

Hinter der Umkehr steht eine Entscheidung der Bundesnetzagentur. Mit einer Festlegung vom August 2024, in Kraft seit dem 1. Januar 2025, werden die „Mehrkosten" des Netzausbaus für erneuerbare Energien nicht länger allein den Regionen aufgebürdet, in denen die Anlagen stehen. Übersteigen sie eine Schwelle, lassen sie sich bundesweit umlegen, über das allen gemeinsame Übertragungsnetzentgelt.

Die Wirkung war sofort sichtbar. In Schleswig-Holstein sank das Netzentgelt binnen eines Jahres um fast 30 Prozent, auch Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg wurden spürbar entlastet. Im Gegenzug stiegen die Gebühren in einigen zuvor günstigen Ballungsräumen leicht, in Berlin und Hamburg um wenige Prozent. Es ist, dreißig Jahre nach dem Solidarpakt, eine neue Form der Lastenteilung: Der Preis der Windkraft wird endlich geteilt.

Dass Hamburg trotzdem das teuerste Netz des Landes hat, hat eigene Gründe, die mit der Kostenstruktur des rekommunalisierten Stadtnetzes zu tun haben. Es ist die auffälligste Einzelabweichung der Karte, zumal das andere nördliche Stadtstaatennetz, jenes Bremens, zu den günstigsten des Landes zählt. Zwei Hansestädte, dieselbe Himmelsrichtung, entgegengesetzte Enden der Rangliste.

Die geliehene Entlastung

Dass die Entgelte 2026 überhaupt gesunken sind, verdankt sich nicht der Reform allein, sondern vor allem einem Scheck des Bundes. 6,5 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds drücken in diesem Jahr das bundesweite Übertragungsnetzentgelt von 6,65 auf 2,86 Cent je Kilowattstunde. Für einen durchschnittlichen Haushalt sind das rund 60 bis 75 Euro Ersparnis im Jahr, sofern der Stromanbieter die Senkung überhaupt weitergibt, wozu er nicht verpflichtet ist.

Diese Entlastung ist jedoch geliehen, nicht geschenkt. Anfang Oktober haben die vier Übertragungsnetzbetreiber die Vorschau für 2027 vorgelegt, und sie weist bereits wieder nach oben. Der Bundeszuschuss schrumpft von 6,5 auf 5,525 Milliarden Euro, das Übertragungsnetzentgelt steigt entsprechend auf 3,54 Cent, ein Plus von fast einem Viertel.

Ob es wirklich bei diesem moderaten Anstieg bleibt, ist noch offen. Das Gesetz, das den Zuschuss bis 2029 festschreiben soll, ist noch nicht verabschiedet. Wird es nicht bis zum 7. Dezember 2026 beschlossen, könnten die Entgelte 2027 deutlich höher ausfallen als geplant; die Preisblätter für das kommende Jahr tragen bis dahin den Vermerk „vorläufig".

Für die Haushalte dürfte sich der Anstieg im Schnitt in Grenzen halten, Verivox rechnet mit rund einem Prozent mehr auf der gesamten Stromrechnung. Doch das ist nur der Durchschnitt. Je nach Netzgebiet geht die Spanne erheblich auseinander, und die Postleitzahl bleibt, was sie 2026 geworden ist: eine der wichtigsten Zahlen auf der Stromrechnung.

Stromnetzentgelt 2026: alle sechzehn Länder

BundeslandCt/kWh≈ €/Jahr (4.000 kWh)
🇩🇪 Mecklenburg-Vorpommern7,4296
🇩🇪 Bremen7,5298
🇩🇪 Bayern7,8313
🇩🇪 Brandenburg8,0320
🇩🇪 Niedersachsen8,0320
🇩🇪 Thüringen8,2328
🇩🇪 Sachsen-Anhalt8,5340
🇩🇪 Berlin8,6342
🇩🇪 Sachsen8,6344
🇩🇪 Schleswig-Holstein8,7348
🇩🇪 Deutschland9,3362
🇩🇪 Hessen9,4376
🇩🇪 Saarland9,4376
🇩🇪 Baden-Württemberg9,8390
🇩🇪 Nordrhein-Westfalen9,8392
🇩🇪 Rheinland-Pfalz10,2408
🇩🇪 Hamburg11,8472

Hinweis: Netzentgelt Strom für einen Musterhaushalt mit 4.000 kWh Jahresverbrauch, 2026. Die Jahresbeträge sind die rechnerische Umlage des Cent-Werts auf den Verbrauch. Der Wert für Bremen ist aus dem veröffentlichten Jahresbetrag abgeleitet, da er in der Cent-Aufstellung der Quelle fehlt. Der Bundesdurchschnitt von 9,3 Cent ist verbrauchsgewichtet und liegt deshalb über dem Mittel der Länderwerte.

Quellen anzeigen
  • Bundesnetzagentur, Netzentgelt-Preisblätter der Verteilnetzbetreiber 2026 (Datengrundlage, über ene't aufbereitet); Festlegung zur Verteilung der Mehrkosten aus der Integration erneuerbarer Energien vom August 2024, in Kraft seit 1. Januar 2025 (Pressemitteilung der Bundesnetzagentur vom 18. Oktober 2024).
  • Verivox, Netzentgelt-Auswertungen 2026 (Verbraucheratlas): regionale Netzentgelte je Bundesland, durchschnittliche Entlastung durch den Bundeszuschuss, Hinweis zur fehlenden Weitergabepflicht der Anbieter.
  • strom-report.com/netzentgelte: zusammengestellte Länderwerte in Ct/kWh und Euro je Jahr (Basis ene't / Bundesnetzagentur), bundesweiter Durchschnitt 2026.
  • Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW: Ankündigung der Übertragungsnetzentgelte für 2027 (Anstieg von 2,86 auf 3,54 Ct/kWh), Anfang Oktober 2026.
  • Bundesregierung / Klima- und Transformationsfonds: Bundeszuschuss zu den Übertragungsnetzkosten, 6,5 Milliarden Euro 2026, 5,525 Milliarden ab 2027 (Gesetzentwurf, Stand Herbst 2026).

Weitere deutsche Karten: Solar vom Balkon, das Stadt-Land-Paradox, Die Ost-West-Lohnlücke und Wo Deutschland einbürgert.