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Europa fliegt wieder, Deutschland nicht

Der europäische Luftverkehr hat die Pandemie endgültig hinter sich gelassen. Knapp 1,1 Milliarden Fluggäste zählte Eurostat 2025 in der EU, 4,8 Prozent mehr als im Jahr davor, und im ersten Quartal 2026 ging es mit 4,2 Prozent fast ebenso schnell weiter.

Nur einer fliegt nicht mit: Deutschland. Im ersten Quartal lag das deutsche Wachstum noch bei mageren 3,0 Prozent, seit April stehen die Monatswerte überwiegend im Minus. Am 24. Oktober hat Ryanair seine Berliner Basis geschlossen. Die Karte zeigt, wohin das Wachstum stattdessen geht: nach Osten.

Was die Karte zeigt: Das Wachstum wandert nach Osten

In 25 von 27 Mitgliedstaaten stiegen die Fluggastzahlen im ersten Quartal 2026, nur die Niederlande (−2,3 Prozent) und Lettland (−1,7 Prozent) verloren. Das erste Quartal ist der jüngste Zeitraum, den Eurostat für alle 27 Staaten einheitlich ausweist; wir haben die Werte aus der Rohdatenbank selbst nachgerechnet.

Die Spitzengruppe liest sich wie eine Reise entlang der alten EU-Erweiterungsgrenzen. Die Slowakei hat ihr Aufkommen von sehr niedriger Basis glatt verdoppelt (+103,8 Prozent), Slowenien wuchs um 18,2 Prozent, Malta um 15,3 Prozent, Polen um 13,2 Prozent, Tschechien um 11,5 Prozent. Polen ist dabei kein Nischenfall mehr: Mit 13,4 Millionen Fluggästen allein im Winterquartal ist das Land inzwischen ein Markt von der Größenordnung Portugals.

Die großen westlichen Luftverkehrsnationen wachsen dagegen nur noch verhalten: Spanien +4,1 Prozent, Frankreich +0,9 Prozent, Österreich +0,7 Prozent. Deutschland liegt mit +3,0 Prozent unter dem EU-Schnitt von 4,2 Prozent. Und während der EU-Flugverkehr 2025 mit 6,9 Millionen Flügen fast wieder das Vorkrisenniveau von 7,0 Millionen erreichte, hinkt das deutsche Angebot weit hinterher, dazu gleich mehr.

Die großen Flughäfen: Warschau jagt Berlin

Dasselbe Muster zeigt sich auf Ebene der Flughäfen. Paris-CDG bleibt mit 72 Millionen Passagieren die unangefochtene Nummer eins der EU, gefolgt von Amsterdam (68,8 Millionen) und Madrid (68,0 Millionen). Das Tempo machen aber andere: Warschau-Chopin wuchs 2025 um 13,3 Prozent, Budapest um 11,8 Prozent, Prag um 8,8 Prozent.

Für Berlin wird daraus ein Wettrennen, das die Hauptstadt gerade verliert. Der BER zählte 2025 noch 26,0 Millionen Passagiere und lag damit knapp vor Warschau-Chopin mit 24,1 Millionen. Doch die Flughafengesellschaft erwartet für 2026 nur noch 25,7 Millionen, für 2027 sogar 25 bis 25,2 Millionen; Flughafenchefin Aletta von Massenbach nennt das den „Ryanair-Effekt". Hält Chopin auch nur annähernd sein Tempo, zieht Warschau noch in diesem Jahr am BER vorbei.

Die deutschen Großflughäfen wachsen allesamt unterdurchschnittlich oder knapp am Schnitt: Frankfurt +2,6 Prozent, der BER +2,3 Prozent, nur München (+4,4 Prozent) und Düsseldorf (+5,0 Prozent) halten mit. Zum Vergleich: Kopenhagen wuchs um 8,5 Prozent, Mailand-Malpensa um 8,6 Prozent, Athen um 6,8 Prozent.

Deutschland im Rückwärtsgang

Wie schnell sich das deutsche Bild 2026 eingetrübt hat, zeigt die Monatsreihe des Flughafenverbands ADV. Auf ein ordentliches erstes Quartal folgte im April ein Einbruch um 7,5 Prozent, und seither pendeln die Monatswerte um die Null. Von Januar bis August nutzten 141,8 Millionen Passagiere die deutschen Flughäfen, 0,4 Prozent weniger als im Vorjahr.

Noch deutlicher ist die Schwäche auf der Angebotsseite. Die Zahl der gewerblichen Starts und Landungen lag von Januar bis August 3,7 Prozent unter dem Vorjahr und erreicht nur 78,5 Prozent des Niveaus von 2019. Bei den Passagieren fehlen gegenüber der Vorkrisenzeit noch 14,9 Prozent, im innerdeutschen Verkehr sogar mehr als die Hälfte. Europa fliegt wieder auf Vorkrisenniveau, Deutschland nicht einmal zu vier Fünfteln.

Der ADV selbst nennt als Gründe geopolitische Unsicherheiten, hohe Standort- und Energiekosten, die schwache Konjunktur und eine zurückhaltende Konsumnachfrage. Im langen Vergleich wird das Ausmaß des Zurückfallens deutlich: Zwischen 2015 und 2025 wuchs das Passagieraufkommen in Polen um 122 Prozent, in Tschechien um 51 Prozent, in Deutschland um ganze 1,7 Prozent.

Der Fall BER: Was ein Flug kostet

Der Ryanair-Rückzug aus Berlin ist das anschaulichste Beispiel für diesen Standortkonflikt. Am 24. April kündigte die Airline an, ihre sieben in Berlin stationierten Maschinen abzuziehen und das Winterangebot zu halbieren; zum 24. Oktober wurde die Basis geschlossen. Statt 4,5 Millionen Passagieren will Ryanair 2027 nur noch 2,2 Millionen in Berlin befördern.

Die Kostenrechnung, die der Flughafenverband dazu vorlegt, erklärt die Entscheidung: Ein Flug von Berlin nach Palma kostet eine Airline an Standortkosten rund 7.600 Euro, derselbe Flug ab Warschau etwa 4.400 Euro. Ein New-York-Flug schlägt ab Deutschland mit rund 25.300 Euro zu Buche, an vergleichbaren europäischen Standorten mit 13.900 Euro. Wer solche Differenzen Jahr für Jahr summiert, versteht, warum Wachstum dort stattfindet, wo das Fliegen billiger ist.

Die Politik hat reagiert, spät und aus Sicht der Branche halbherzig: Zum 1. Juli 2026 wurde die 2024 erhöhte Luftverkehrsteuer wieder gesenkt. Den Abzug aus Berlin hat das nicht verhindert, Ryanair hatte ihn bereits im April angekündigt, und die Monatszahlen seit Juli zeigen bislang keine Trendwende. Im Winterflugplan füllen nun Eurowings, Wizz Air und EasyJet einen Teil der Berliner Lücke; ob daraus wieder Wachstum wird, entscheidet sich 2027.

Fluggäste im 1. Quartal 2026: alle 27 EU-Länder

LandFluggäste Q1 2026ggü. Q1 2025
🇸🇰 Slowakei0,79 Mio.+103,8 %
🇸🇮 Slowenien0,29 Mio.+18,2 %
🇲🇹 Malta2,07 Mio.+15,3 %
🇵🇱 Polen13,44 Mio.+13,2 %
🇨🇿 Tschechien3,63 Mio.+11,5 %
🇩🇰 Dänemark7,75 Mio.+10,8 %
🇮🇪 Irland9,03 Mio.+10,5 %
🇧🇬 Bulgarien2,26 Mio.+9,4 %
🇭🇷 Kroatien1,08 Mio.+9,0 %
🇱🇹 Litauen1,49 Mio.+8,7 %
🇬🇷 Griechenland7,36 Mio.+7,9 %
🇫🇮 Finnland4,68 Mio.+7,9 %
🇱🇺 Luxemburg1,08 Mio.+6,4 %
🇸🇪 Schweden6,32 Mio.+6,2 %
🇮🇹 Italien38,10 Mio.+5,9 %
🇧🇪 Belgien7,49 Mio.+4,5 %
🇵🇹 Portugal13,22 Mio.+4,2 %
🇪🇺 EU-27215,33 Mio.+4,2 %
🇪🇸 Spanien55,01 Mio.+4,1 %
🇭🇺 Ungarn4,17 Mio.+3,7 %
🇷🇴 Rumänien5,43 Mio.+3,6 %
🇪🇪 Estland0,72 Mio.+3,4 %
🇩🇪 Deutschland38,87 Mio.+3,0 %
🇨🇾 Zypern1,83 Mio.+2,5 %
🇫🇷 Frankreich35,58 Mio.+0,9 %
🇦🇹 Österreich7,32 Mio.+0,7 %
🇱🇻 Lettland1,41 Mio.−1,7 %
🇳🇱 Niederlande16,25 Mio.−2,3 %

Hinweis: beförderte Fluggäste (Eurostat-Messgröße „passengers carried", Gesamtverkehr), Januar bis März 2026 gegenüber Vorjahreszeitraum, eigene Aggregation der Monatswerte, Abruf am 4.11.2026. Nationale Werte zählen Passagiere sowohl im Abflug- als auch im Ankunftsland und dürfen daher nicht addiert werden. Das Vereinigte Königreich meldet nicht an Eurostat. Die ADV-Zahlen im Text messen das Lokalaufkommen (an + ab) an den 22 internationalen deutschen Verkehrsflughäfen und sind mit den Eurostat-Werten methodisch nicht deckungsgleich.

Quellen anzeigen
  • Eurostat, Datenbank avia_paoc (Fluggäste je Meldeland, Monatswerte) und avia_paoa (Fluggäste je Flughafen, Jahreswerte 2024/2025), beförderte Fluggäste, Gesamtverkehr; eigene Berechnung, Abruf 4.11.2026.
  • Eurostat, Statistics Explained: „Air transport statistics" (Fassung vom 15.10.2026): EU 2025 knapp 1,1 Mrd. Fluggäste (+4,8 %), Q1 2026 +4,2 %, Wachstum in 25 von 27 Mitgliedstaaten; Eurostat News (28.8.2026): 6,9 Mio. gewerbliche Flüge 2025 (+3,8 %), nahe dem 2019-Niveau von 7,0 Mio.
  • ADV-Monatsstatistik 08/2026 und Verkehrszahlen-Übersicht (adv.aero/aktuelle-verkehrszahlen): Januar–August 2026 141,83 Mio. Passagiere (−0,4 %), Flugbewegungen −3,7 % (78,5 % von 2019), Passagiere −14,9 % ggü. 2019, innerdeutsch 48,4 % von 2019; Monatswerte Januar bis August 2026.
  • ADV, Stellungnahme vom 25.4.2026: „Ryanair-Abzug am BER: Entscheidung ist ein Alarmsignal" (Standortkosten Berlin–Palma ca. 7.600 € vs. Warschau ca. 4.400 €, New York ca. 25.300 € vs. 13.900 €; Zehnjahresvergleich 2015–2025: Polen +122 %, Luxemburg +100 %, Tschechien +51 %, Deutschland +1,7 %).
  • Ryanair, Unternehmensmitteilung vom 24.4.2026: Schließung der Berliner Basis (7 Flugzeuge) zum 24.10.2026, Halbierung des Winterangebots, Rückgang von 4,5 auf 2,2 Mio. Passagiere 2027; Berichterstattung u. a. Aviation Week.
  • Flughafen Berlin Brandenburg / Aletta von Massenbach (via AviationPros, Oktober 2026): Erwartung 25,7 Mio. Passagiere 2026, 25–25,2 Mio. 2027 („Ryanair-Effekt").
  • Bundesregierung / Deutscher Bundestag: Senkung der Luftverkehrsteuer zum 1.7.2026 (Beschluss vom 21.5.2026, Rücknahme der Erhöhung vom Mai 2024).

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