Veröffentlicht am · Mappr.de
Solar überholt die Kernkraft: Wie Europas Strom im Juni 2026 kippte
Es ist einer jener Momente, die man erst im Rückblick als Wendepunkt erkennt. Im Juni 2026 erzeugten die Solaranlagen der EU nach Zahlen des Londoner Thinktanks Ember 52 Terawattstunden Strom, das waren 25 Prozent der gesamten Erzeugung. Zum ersten Mal lieferte die Sonne ein Viertel des europäischen Stroms.
Noch bemerkenswerter ist, was Solar damit überholte: Mit 25 Prozent war es die größte Einzelquelle des Monats, vor der Kernkraft mit 21 Prozent. Erst dreimal überhaupt war Solar die Nummer eins im EU-Strommix, alle drei Male in den vergangenen Monaten. Und der Treiber dieser Wende sitzt in der Mitte des Kontinents.
Deutschland, der Motor
In absoluten Zahlen ist die Sache eindeutig. Deutschland erzeugte im Juni 2026 rund 13,6 Terawattstunden Solarstrom, mehr als jedes andere EU-Land und für sich genommen gut ein Viertel des gesamten europäischen Solaraufkommens. Der deutsche Solaranteil an der eigenen Erzeugung lag bei 35,5 Prozent. Ohne den deutschen Zubau der vergangenen Jahre gäbe es diesen europäischen Rekord schlicht nicht.
Das passt zu einer Beobachtung, die auch die mappr.de-Karte zum Balkonkraftwerk zeigte: Kaum irgendwo ist die private Solarbegeisterung so groß wie hier. Deutschland trägt die europäische Solarwende nicht, weil es besonders sonnig wäre, sondern weil über Jahre besonders viel gebaut wurde. Genau darin liegt der eigentliche Befund dieser Karte.
Warum das keine Sonnenkarte ist
Man würde erwarten, dass der Solaranteil dem Breitengrad folgt, dass also der sonnenverwöhnte Süden vorn läge und der trübe Norden hinten. Die Karte zeigt fast das Gegenteil. Ganz unten steht mit 10,9 Prozent ausgerechnet Frankreich, ein südliches, sonnenreiches Land, dessen Stromsystem aber so stark von der Kernkraft geprägt ist, dass für Solar wenig Raum bleibt. Auch das nukleare Schweden und die Slowakei liegen weit hinten.
Vorn stehen dagegen Länder, die niemand für Sonnenparadiese hält. Neben Deutschland zählen dazu Ungarn (46 Prozent), das über die Jahre massiv Solar zugebaut hat, und die baltischen Staaten. Was diese Länder eint, ist nicht das Klima, sondern die Politik: Zubau, Förderung, Netzausbau. Der Solaranteil ist ein Politik- und Kapazitätsmuster, keine Wetterkarte.
Ein Wort der Vorsicht gehört zu den Spitzenreitern. Luxemburg führt die Liste mit 58 Prozent an, doch das Land hat ein winziges, stark von Importen geprägtes Stromsystem, in dem ein einzelner Wert stark schwankt. Ähnliches gilt für die kleinen baltischen Netze. Die belastbaren Aussagen stecken bei den größeren Volkswirtschaften, und dort führt Deutschland, gefolgt von Belgien, Spanien und den Niederlanden. Spanien überschritt im Juni übrigens erstmals die Marke von einem Drittel.
Der Überhol-Moment
Die zweite Grafik zeigt, wie knapp und zugleich wie deutlich der Umbruch ist. Solar liegt mit 25,0 Prozent vor der Kernkraft (21,3), dem Gas (14,5), der Windkraft (13,7), der Wasserkraft (11,5) und der Kohle, die auf 7,5 Prozent abgesunken ist. Vor fünf Jahren war Solar eine Randgröße, heute ist es der größte Posten im Mix.
Ein nüchterner Maßstab gehört dazu, damit die Zahl nicht überhöht wird. Der Juni ist der solarstärkste Monat des Jahres, lange Tage, hoher Sonnenstand. Über das gesamte Jahr 2025 gerechnet lag der EU-Solaranteil bei knapp 14 Prozent, also gut halb so hoch wie im Juni-Spitzenwert. Der Rekord beschreibt die Sommerspitze, nicht den Dauerzustand: In den langen Winterabenden tragen weiterhin Kernkraft, Gas und Wind die Last.
Die Kurve, die alles erklärt
Der eigentliche Treiber ist die Geschwindigkeit. Der Juni-Solaranteil der EU kletterte von 10 Prozent (2021) über 17 (2023) auf 25 Prozent (2026), während die Kernkraft im selben Zeitraum leicht nachgab. Irgendwann im Jahr 2025 kreuzten sich die beiden Linien, und Solar zog an der Kernkraft vorbei. In jedem Jahr seit 2021 legte die Solarerzeugung um mehr als 20 Prozent zu, schneller als jede andere Stromquelle der EU.
Solaranteil je EU-Land, Juni 2026
| Land | Solaranteil Juni 2026 |
|---|---|
| Luxemburg | 58,3 % |
| Lettland | 53,3 % |
| Litauen | 50,6 % |
| Estland | 46,9 % |
| Ungarn | 46,0 % |
| Portugal | 37,1 % |
| Deutschland | 35,5 % |
| Belgien | 34,7 % |
| Niederlande | 34,3 % |
| Spanien | 34,3 % |
| Dänemark | 32,5 % |
| Griechenland | 31,9 % |
| Bulgarien | 31,4 % |
| Italien | 27,8 % |
| Österreich | 26,5 % |
| Polen | 24,3 % |
| Slowenien | 21,9 % |
| Rumänien | 17,6 % |
| Kroatien | 15,9 % |
| Tschechien | 12,2 % |
| Frankreich | 10,9 % |
| Schweden | 7,6 % |
| Slowakei | 3,6 % |
| Finnland | 3,4 % |
Anteil des Solarstroms an der monatlichen Stromerzeugung, Juni 2026. Für Zypern, Irland und Malta liegen keine Monatsdaten vor, daher 24 der 27 EU-Länder. Quelle: Ember, Monthly electricity data.
Bleibt die Frage, was der Rekord bedeutet. Er ist kein Beweis, dass die Energiewende vollendet wäre, dazu ist der Solarstrom zu launisch, zu sehr an Tageslicht und Jahreszeit gebunden. Er ist aber ein handfester Beleg dafür, dass sich der europäische Strommix schneller dreht, als noch vor wenigen Jahren für möglich gehalten wurde. Und er zeigt, wo die Musik spielt: nicht am Mittelmeer, sondern dort, wo Politik und Kapital die Anlagen aufs Dach und aufs Feld gebracht haben. Deutschland gehört, allen Debatten zum Trotz, zu den Treibern dieser Entwicklung.
Quellen anzeigen
- Ember, „European Union solar supplied record 25% of power in June“ (Analyse vom 14. Juli 2026) sowie der zugrunde liegende Datensatz „Monthly electricity data“ (public release, long format), Area „EU“ und je EU-Mitgliedstaat, Juni 2026: Solaranteil und Erzeugung je Quelle, Strommix, historische Juni-Werte 2021 bis 2026. Die Länderkarte und die Tabelle sind eigene Auswertung dieses Datensatzes (24 der 27 Länder; keine Monatsdaten für Zypern, Irland, Malta).
- Ember, „European Electricity Review 2026“: Einordnung des Jahres 2025 (Wind und Solar erstmals mehr als fossile Erzeugung, jährlicher Solaranteil der EU rund 14 Prozent) und des Wachstumstempos von Solar.
- Geometrie der Länder: Natural Earth, Admin 0 (1:50 m).
Weitere Karten: Solar vom Balkon, Badegewässer 2025 und Die Hitzewelle vom Juni 2026.