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Die Waldbrand-Republik: Warum Brandenburg Jahr für Jahr am stärksten brennt
In der letzten Juliwoche 2026 hat der Deutsche Wetterdienst in Teilen des Landes die höchste Waldbrandwarnstufe fünf ausgerufen, über weiten Teilen Baden-Württembergs stand die Gefahr auf Stufe vier, und eine neue Hitzewelle zog heran. Im Müritz-Nationalpark waren im Juli bereits rund 400 Hektar Wald abgebrannt, in Brandenburg hatte es schon im Frühjahr gebrannt. Es ist die wiederkehrende Nachricht des deutschen Hochsommers.
Und doch führt sie leicht in die Irre. Deutschland brennt nämlich nicht überall gleich, sondern höchst ungleich. Nimmt man die amtliche Waldbrandstatistik der zurückliegenden zehn Jahre und rechnet sie auf die Waldfläche der Länder um, dann zeigt die Karte keinen diffusen nationalen Notstand, sondern einen scharfen Riss zwischen Ost und West.
Ein Zehntel des Waldes, fast die Hälfte der Brände
Die eindringlichste Zahl steht nicht auf der Karte, sondern hinter ihr. Brandenburg beherbergt mit gut 1,1 Millionen Hektar knapp ein Zehntel des deutschen Waldes. Auf dieses eine Land entfielen zwischen 2016 und 2025 aber rund 6.300 der insgesamt etwa 13.500 verbrannten Hektar, also nahezu die Hälfte der gesamten deutschen Brandfläche.
Noch klarer ist das Bild bei der Häufigkeit. In jedem einzelnen der zehn Jahre verzeichnete Brandenburg die meisten Waldbrände aller Bundesländer, ohne Ausnahme. Über den Zeitraum summieren sich dort mehr als 3.100 Feuer, mehr als ein Viertel aller deutschen Waldbrände. Der Titel Waldbrand-Republik gebührt, wenn überhaupt einem Land, diesem.
Die Karte selbst normiert bewusst auf die Waldfläche, denn sonst gewännen immer die großen Länder. Erst der Bezug auf je 1.000 Hektar Wald macht sichtbar, dass hier nicht einfach viel Wald steht, sondern dass dieser Wald überdurchschnittlich oft in Flammen aufgeht. Bayern etwa hat mit 2,6 Millionen Hektar den größten Wald der Republik, kommt aber auf einen Wert von 0,35, ein Sechzehntel des brandenburgischen.
Der Grund liegt im Boden
Warum ausgerechnet der Nordosten? Die Antwort beginnt geologisch. Über Brandenburg, die Lausitz und Teile Mecklenburgs liegt der sandige, nährstoffarme Boden der norddeutschen Tiefebene, ein Erbe der Eiszeit. Sand speichert kaum Wasser, und die Region gehört ohnehin zu den niederschlagsärmsten und sonnenreichsten Deutschlands. Was hier wächst, trocknet im Sommer schnell durch.
Dazu kommt die Baumart. Auf diesen armen Böden pflanzte man seit dem 19. Jahrhundert in großem Stil die anspruchslose Kiefer, oft in gleichaltrigen, dichten Monokulturen. In Brandenburg besteht der Wald noch heute zu über 60 Prozent aus Nadelholz. Die Kiefer ist mit ihrem harzigen Holz, der trockenen Nadelstreu am Boden und den bis zur Krone durchgehenden Ästen der ideale Brennstoff. Ein Funke findet hier alles, was er zum Lauffeuer braucht.
Damit ist die Waldbrandkarte auch eine Karte deutscher Forstgeschichte. Der Kiefernacker war eine ökonomische Entscheidung des Kaiserreichs und der DDR, die schnell wachsendes Nutzholz aus schlechtem Boden holen wollten. Der klimatische Preis dafür wird erst jetzt fällig, in den heißer werdenden Sommern des 21. Jahrhunderts.
Die Munition im Boden
Es gibt einen zweiten, spezifisch deutschen Grund, und er unterscheidet den ostdeutschen Waldbrand von fast jedem anderen in Europa. Viele der größten Feuer wüten auf ehemaligen Truppenübungsplätzen, deren Boden mit alter Munition und Blindgängern verseucht ist. Es sind die Hinterlassenschaften von Wehrmacht, Roter Armee und Nationaler Volksarmee, die bis heute nicht geräumt sind.
Auf solchen Flächen kann die Feuerwehr nicht arbeiten wie sonst. Wo im Untergrund Granaten liegen, dürfen die Kräfte nicht direkt ins Feuer, sondern müssen Abstand halten, aus der Distanz löschen, mit Wundstreifen und Löschflugzeugen arbeiten und das Feuer teils kontrolliert ausbrennen lassen. Ein Brand, der anderswo in Stunden erstickt wäre, frisst sich hier über Tage durch den Bestand. Die Munition im Boden verlängert und vergrößert jedes Feuer.
Der Großbrand in der Gohrischheide im Juli 2025, direkt auf der sächsisch-brandenburgischen Grenze, führte das exemplarisch vor. Rund 2.400 Hektar verbrannten, mehr als drei Viertel des dortigen Naturschutzgebietes; es war der größte Waldbrand im Freistaat Sachsen seit Jahrzehnten. Die Fläche ist ein früherer Truppenübungsplatz, ihre Munitionsbelastung erschwerte die Löscharbeiten massiv. Dass kein Mensch ums Leben kam, war den Einsatzkräften am Ende ein erleichtertes Fazit wert.
Warum Sachsen die Karte anführt, und Brandenburg trotzdem
Wer genau hinsieht, bemerkt, dass auf der Karte nicht Brandenburg, sondern Sachsen mit 6,1 vorn liegt. Das ist kein Widerspruch, sondern eine Frage der Methode und der Ehrlichkeit. Der Wert summiert zehn Jahre, und in dieser Summe steckt bei Sachsen fast ausschließlich das eine Jahr 2025 mit der Gohrischheide. Rechnet man dieses einzelne Ausnahmefeuer heraus, fällt Sachsen weit zurück, während Brandenburg auf jedem Maß führend bleibt.
Genau das ist die Unterscheidung, auf die es ankommt. Brandenburg ist die strukturelle Konstante, das Land, das nicht wegen eines Jahrhundertfeuers auffällt, sondern weil es verlässlich, Jahr für Jahr, am häufigsten brennt. Sachsen 2025 dagegen ist der katastrophale Einzelfall, der denselben Mechanismus zeigt: sandige Lausitzer Böden, Kiefer und ein munitionsverseuchter Militärboden. Die dunkle Ecke der Karte ist deshalb kein sächsisches oder brandenburgisches Sonderproblem, sondern das Problem eines ganzen Landstrichs.
Was die Karte über die Stadtstaaten nicht sagt
Ein Wort der Vorsicht gilt Berlin, das mit 4,6 überraschend hoch erscheint. Die Hauptstadt hat nur knapp 17.600 Hektar Wald, sodass schon ein einziger größerer Brand die Rate nach oben treibt, hier vor allem das spektakuläre Feuer auf dem Sprengplatz im Grunewald im August 2022. Bei so kleiner Waldfläche ist der Wert volatil und mit dem eines Flächenlandes nicht direkt vergleichbar. Hamburg und Bremen, praktisch ohne nennenswerten Wald, stehen folgerichtig bei null.
Die belastbare Aussage der Karte betrifft daher die Flächenländer, und dort ist sie eindeutig. Der gesamte Westen und Süden, von Nordrhein-Westfalen über Hessen bis Baden-Württemberg, liegt unter einem halben Hektar Brand je 1.000 Hektar Wald. Der feuchtere atlantische Westen und die kühleren Mittelgebirge bieten dem Feuer schlicht weniger Angriffsfläche als die trockene Sandebene des Ostens.
Ein Klimaproblem mit forstlicher Vorgeschichte
Die Waldbrandzahlen schwanken von Jahr zu Jahr enorm, weil sie am Wetter hängen. Das nasse Jahr 2024 brachte bundesweit nur 334 verbrannte Hektar, das Dürrejahr 2022 dagegen über 3.000, und 2025 lag mit rund 2.600 Hektar wieder hoch. Über diesem Rauschen aber liegt ein klarer Trend: Die heißen, trockenen Extremsommer, die das Feuer entfachen, werden im Zuge der Erderwärmung häufiger, wie mappr.de bereits an den Tropennächten und der europäischen Hitzewelle vom Juni 2026 gezeigt hat.
Die Antwort der Förster heißt Waldumbau. Aus den anfälligen Kiefernforsten sollen über Jahrzehnte gemischte, laubholzreichere Wälder werden, die langsamer austrocknen und schlechter brennen. Das ist eine Generationenaufgabe, und sie kommt für die Bestände, die in diesem Sommer lodern, zu spät. Die munitionsbelasteten Altlasten wiederum lassen sich kaum je vollständig räumen.
Bleibt der nüchterne Befund der Karte. Der deutsche Waldbrand ist kein gleichmäßig über die Republik verteiltes Klimarisiko, sondern ein konzentriertes ostdeutsches Phänomen mit tiefen Wurzeln in Geologie, Forst- und Militärgeschichte. Wer über Waldbrandschutz in Deutschland spricht, spricht vor allem über den Sandboden Brandenburgs und der Lausitz. Dort, und nur dort, entscheidet sich, ob die Republik ihren Ruf als Land der brennenden Kiefern behält.
Quellen anzeigen
- Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) / Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL): amtliche Waldbrandstatistik der Bundesrepublik Deutschland, bezogen über den Open-Data-Datensatz „Waldbrandstatistik" (open-data.ble.de). Ausgewertet wurden die Jahreswerte 2016 bis 2025, Kategorie „Gesamt", Einheiten Anzahl (Zahl der Waldbrände) und Hektar (verbrannte Waldfläche). Datenbasis sind Meldungen der Länder, fachliche Auswertung unter anderem durch das Thünen-Institut.
- Waldfläche je Bundesland: Bundeswaldinventur 2022 (BWI 4) des Thünen-Instituts (Holzbodenfläche in Hektar); für Brandenburg rund 1.127.980 ha, Nadelholzanteil über 60 Prozent. Die Kennzahl der Karte (verbrannte Fläche je 1.000 ha Wald) ist eigene Berechnung aus BLE-Statistik und BWI-Fläche.
- Deutscher Wetterdienst (DWD), Waldbrandgefahrenindex (Stufen 1 bis 5), Meldungen und Berichterstattung Ende Juli 2026 (u. a. Tagesschau, ZEIT/dpa, WELT) zur höchsten Warnstufe in Teilen Deutschlands und zur Lage in Brandenburg.
- Zum Großbrand Gohrischheide (Juli 2025): Landkreis Meißen sowie Berichterstattung von MDR, rbb24, ZEIT und Deutschlandfunk zu Fläche (rund 2.400 ha), Munitionsbelastung des ehemaligen Truppenübungsplatzes, Verlauf der Löscharbeiten und Einordnung als größter Waldbrand Sachsens seit Jahrzehnten (Vergleich Weißwasser 1992, rund 1.000 ha).
- Zum Sprengplatz-Brand im Berliner Grunewald (August 2022) sowie zu Waldumbau, Kiefernmonokulturen und munitionsbelasteten Flächen: Umweltbundesamt, Landesbetriebe Forst der Länder und Deutschlandfunk („Trockenheit und Munition im Boden", Juli 2026).
- Geometrie der Bundesländer: GADM 4.1, Verwaltungsgrenzen Deutschland (Level 1).
Weitere deutsche Karten: Wo Deutschlands Nächte tropisch werden, Die Hitzewelle vom Juni 2026 und Badegewässer 2025.