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Wo das Deutschlandticket greift — die Stadt-Land-Kluft einer Verkehrsrevolution

Als das Deutschlandticket im Mai 2023 startete, war es als großes Gleichmacher-Projekt angekündigt: ein einziger Fahrschein, bundesweit gültig, zum selben Preis von Flensburg bis Garmisch. Drei Jahre und zwei Preiserhöhungen später — seit Januar 2026 kostet es 63 Euro — zeigt der jüngste Evaluationsbericht des infas-Instituts, wie ungleich diese Revolution tatsächlich verläuft. Gemessen am Anteil verkaufter Tickets an der Bevölkerung führt Hamburg mit 48 Prozent das Feld an, während die ländlichen Flächenländer im Osten bei 10 bis 12 Prozent verharren. Das Deutschlandticket ist, so viel lässt sich nach der Karte sagen, vor allem ein Ticket der dichten Stadt.

Hamburg, der Ausreißer

Kein anderes Bundesland kommt Hamburg auch nur nahe. Mit einer Marktdurchdringung von 48 Prozent besitzt rechnerisch fast jede zweite Hamburgerin und jeder zweite Hamburger ein Deutschlandticket — ein Wert, der weit über dem bundesweiten Schnitt von rund 18 Prozent liegt. Der Vorsprung ist kein Zufall: Hamburg hat sein Tarifsystem früher als andere Regionen konsequent auf das Deutschlandticket ausgerichtet, das Ticket offensiv beworben und sein verbliebenes Abo-Restsortiment so weit zurückgefahren, dass es im Hamburger Verkehrsverbund nur noch rund drei Prozent der Zeitkarteneinnahmen ausmacht. Wo das Deutschlandticket nicht mit einem Dickicht älterer, vermeintlich günstigerer Lokaltarife konkurriert, setzt es sich durch. Hamburg ist insofern weniger ein Sonderfall als ein Vorgriff darauf, was passiert, wenn ein Verbund sich ganz auf das neue Ticket einlässt.

Die Stadt-Land-Kluft

Hinter Hamburg folgt mit deutlichem Abstand Berlin (30 Prozent), und schon hier beginnt das eigentliche Muster: Die Marktdurchdringung sinkt, je dünner besiedelt und je schlechter mit Nahverkehr erschlossen eine Region ist. Die westlichen Flächenländer — angeführt von Nordrhein-Westfalen (18 Prozent) mit seinem dichten Verbund-Netz im Ruhrgebiet, gefolgt von Baden-Württemberg (16), Schleswig-Holstein (15) sowie Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Hessen (je 14) — liegen im Mittelfeld. Bemerkenswert ist der dritte Stadtstaat: Bremen kommt mit nur 17 Prozent kaum über die westdeutsche Fläche hinaus und zeigt, dass der Stadtstaaten-Status allein keine hohe Quote garantiert — es kommt darauf an, wie entschlossen ein Verbund das Ticket zu seinem Standardprodukt macht.

Es ist dasselbe Stadt-Land-Gefälle, das sich auch in anderen Bereichen der Infrastruktur abzeichnet — wenngleich mit umgekehrtem Vorzeichen zu unserer Karte der Balkonkraftwerke, bei denen die ländlichen Flächenländer vorn liegen und die Großstädte das Schlusslicht bilden. Beim Nahverkehr dreht sich die Logik um: Wer kein dichtes Bus- und Bahnnetz vor der Tür hat, für den ist ein bundesweit gültiges ÖPNV-Abo von begrenztem Nutzen — und bleibt beim Auto.

Der Osten hängt zurück

Am unteren Ende der Skala stehen, mit einer Ausnahme, die ostdeutschen Flächenländer: Sachsen (13), Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern (je 12), Thüringen und Sachsen-Anhalt (je 11). Das absolute Schlusslicht aber bildet ein westdeutsches Land: Niedersachsen mit 10 Prozent — ein Flächenland, dessen weite, dünn besiedelte Räume zwischen den Ballungszentren die niedrige Quote erklären. Die Marktdurchdringung lag in den ostdeutschen Flächenländern 2024 bei elf bis dreizehn Prozent und damit deutlich unter den Stadtstaaten und den westdeutschen Flächenländern. Dahinter steht ein struktureller Befund: Wo Busse seltener fahren und die nächste Bahnstation weiter entfernt ist, rechnet sich ein Monatsabo für sechzig Euro für viele schlicht nicht.

Was der Preis damit macht

Genau an dieser Stelle wird die Preisfrage politisch. Das Deutschlandticket ist von anfänglich 49 Euro (Mai 2023) über 58 Euro (Januar 2025) auf nun 63 Euro (Januar 2026) gestiegen, und der infas-Bericht warnt vor den Folgen gerade in den schwächeren Regionen: Mit jedem Preisschritt wächst die Wahrscheinlichkeit, dass potenzielle Kundinnen und Kunden auf günstigere lokale Tarifoptionen ausweichen — dort, wo es solche Restsortimente überhaupt noch gibt. Die Schere zwischen den Verbünden, die wie Hamburg voll auf das Ticket gesetzt haben, und jenen, die ihr altes Tarifgefüge bewahren, dürfte sich damit weiter öffnen. Ein bundesweit einheitlicher Preis erzeugt eben keine bundesweit einheitliche Wirkung, solange die Nahverkehrsangebote dahinter so ungleich verteilt sind wie die Bevölkerung selbst.

Die Marktdurchdringung nach Bundesland

BundeslandAnteil an der Bevölkerung
🇩🇪 Hamburg48 %
Berlin30 %
Nordrhein-Westfalen18 %
Bremen17 %
Baden-Württemberg16 %
Schleswig-Holstein15 %
Rheinland-Pfalz14 %
Saarland14 %
Hessen14 %
Sachsen13 %
Bayern12 %
Brandenburg12 %
Mecklenburg-Vorpommern12 %
Thüringen11 %
Sachsen-Anhalt11 %
Niedersachsen10 %

Anteil verkaufter Deutschlandtickets an der Bevölkerung, 1. Halbjahr 2025 (bundesweit rund 18 %). Quelle: infas-Evaluationsbericht, Abbildung 7. Die Stadtstaaten- und ostdeutschen Werte sind durch Berichtstext bzw. Statista exakt belegt; die übrigen Länderwerte sind auf den nächsten Prozentpunkt aus der Abbildung abgelesen.

Eine Revolution mit Schlagseite

Das Deutschlandticket hat erreicht, was kaum eine verkehrspolitische Maßnahme der vergangenen Jahrzehnte geschafft hat: Es hat den Nahverkehr massentauglich und bundesweit denkbar gemacht. Doch die Karte erinnert daran, dass ein einheitliches Produkt noch keine einheitliche Teilhabe schafft. Es greift dort am stärksten, wo der öffentliche Verkehr ohnehin schon eine echte Alternative zum Auto ist — und bleibt dort schwach, wo er es am dringendsten werden müsste. Wer die Verkehrswende ernst meint, wird die Lücke nicht über den Ticketpreis schließen, sondern nur über das, was hinter dem Ticket liegt: ein Angebot, das auch in der Fläche trägt.

Quellen anzeigen
  • infas, „Evaluation Deutschlandticket 2024–2026", Zwischenbericht Herbst 2025 — Abbildung 7: Marktdurchdringung des Deutschlandtickets (verkaufte Tickets pro Einwohner) je Bundesland, 1. Halbjahr 2025; Datengrundlage Deutschland-Ticket-Monitor und Bevölkerungsstatistik Destatis (Sept. 2025). Herausgegeben vom Bundesministerium für Verkehr (bmv.de).
  • Statista, Infografik #36106 „Wo ist das Deutschlandticket am weitesten verbreitet?" — Aufbereitung der infas-Werte (Hamburg 48 %, Berlin 30 %, Bremen 17 %, Brandenburg/Mecklenburg-Vorpommern 12 %, Sachsen-Anhalt 11 %, Niedersachsen 10 %).
  • Statistisches Bundesamt (Destatis) — Bevölkerungsstatistik als Nenner der Pro-Kopf-Quote.
  • Zur Preisentwicklung: Deutschlandticket 49 € (1. Mai 2023), 58 € (1. Januar 2025), 63 € (1. Januar 2026), beschlossen von den Verkehrsministerien der Länder.
  • MDR Wissen, „Verkehrswende mit dem Deutschlandticket? Starke Städte, schwache Landkreise in Ostdeutschland" — Einordnung der regionalen Marktdurchdringung.

Weitere deutsche Karten: Solar vom Balkon — das Stadt-Land-Paradox, Wo Deutschland einbürgert und Wo Deutschlands Nächte tropisch werden.